Adventsgärtchen (3.12.2025)

Adventsgärtchen – eine andere Perspektive

 

Als jemand, der beruflich eher als nüchtern und analytisch wahrgenommen wird und sich im Alltag vor allem mit Zahlen, Budgets und Jahresabschlüssen befasst, mag es überraschen: Seit vielen Jahren ist es mir ein grosses Anliegen, am Adventsgärtchen der Stiftung Columban teilzunehmen.

Nicht nur, um mich im oftmals hektischen Dezember für eine knappe Stunde aus dem Arbeitsalltag zu lösen, sondern um eintauchen zu dürfen in eine Welt, die sich rational kaum erklären lässt. In eine Welt, die eigentlich so gar nicht sein dürfte – und doch Jahr für Jahr entsteht.

Bereits am Vortag werden frische Tannenzweige, im Appenzellerland Kräs genannt, im Saal des Blauen Hauses zu einer grossen Spirale ausgelegt. Im innersten Punkt der Spirale steht auf einem Holzblock eine grosse Kerze. Alles ist sorgfältig vorbereitet.

Das Adventsgärtchen findet zweimal statt, damit alle Bewohnenden und Mitarbeitenden teilnehmen können. Der Raum wird verdunkelt, ein Harvenspieler begleitet das Geschehen mit leisen, fast schwebenden Klängen. Langsam betreten jeweils ein bis zwei Personen den Saal und nehmen Platz. Es dauert seine Zeit, bis alle anwesend sind. Eine gespannte Ruhe liegt im Raum.

Dann beginnt das eigentliche Geschehen: Der erste Bewohner erhält einen Apfel, in den eine Kerze gesteckt ist. Die meisten Bewohnenden werden von ihrer Bezugsperson behutsam entlang der Spirale zur grossen Kerze begleitet. Dort wird die kleine Kerze entzündet. Auf dem Rückweg sucht man innerhalb der Spirale einen Platz für den Apfel.

Man kann sich vorstellen, wie viel Zeit vergeht, bis alle an der Reihe sind. Auch die Mitarbeitenden erhalten einen Apfel. Was mich jedes Jahr aufs Neue beeindruckt, ist die Ruhe der Bewohnenden. Sie verharren lange und fast ruhig auf ihren Stühlen. Offenbar spüren alle, dass hier etwas Besonderes geschieht.

Auch mich erreicht diese Stimmung. Und ich frage mich: Was genau ist es eigentlich? Was erzeugt diese kaum beschreibbare Atmosphäre? Eine konkrete Antwort habe ich nicht. Aber ich stelle fest, dass sich auch bei mir eine ungewöhnliche Ruhe einstellt. Still, unaufgeregt, tief.

Als ich schliesslich selbst mit „meinem“ Apfel in die Spirale eintrete und die Kerze entzünden darf, ist es – wie jedes Jahr – ein ganz besonderer Moment.

Wie schön, dass diese jahrzehntelange Tradition in der Stiftung Columban nicht nur gepflegt, sondern auch mit so viel Achtsamkeit gelebt wird.

Jürgen Schobel, Leiter Finanzen